Ein Anti Aggressions Training für Zuhause kann dabei helfen, die eigene Anspannung früher wahrzunehmen, persönliche Auslöser zu erkennen und gewaltfreie Reaktionen vorzubereiten. Ein paar Übungen im Alltag ersetzen jedoch kein professionell begleitetes Anti-Aggressivitäts-Training. Das gilt besonders, wenn es bereits zu körperlicher Gewalt, Bedrohungen oder wiederholten Kontrollverlusten gekommen ist.
Bei der AKADEMIE EiGEN-SiNN führen wir das Anti-Aggressivitäts-Training AAT® – ROKT® „Ein Leben ohne Gewalt“ für aggressive und gewalttätige Jugendliche und junge Erwachsene ab 16 Jahren durch. Die Teilnehmenden setzen sich dort begleitet mit ihren Taten, den Folgen für andere Menschen und ihren persönlichen Risikofaktoren auseinander. Unser vollständiges AAT® umfasst mindestens 20 Termine.
Kann man ein Anti Aggressions Training zu Hause machen?
Ein vollständiges Anti-Aggressivitäts-Training lässt sich nicht allein zu Hause durchführen. Dafür fehlen die fachliche Begleitung, die Rückmeldung durch geschulte Trainer und die direkte Auseinandersetzung mit Rechtfertigungen, Widersprüchen und den Folgen des eigenen Verhaltens.
Übungen für zu Hause können trotzdem sinnvoll sein. Sie helfen dabei, Situationen genauer zu beobachten und zwischen einem Auslöser und der eigenen Reaktion mehr Zeit zu gewinnen. Entscheidend ist, dass sie nicht als Ersatz für professionelle Hilfe verstanden werden.
Unser AAT® arbeitet konfrontativ und praxisnah. Zu den Inhalten gehören Aggressivitätsauslöser, Neutralisierungstechniken, Opferkommunikation, Perspektivübernahme, Impulssteuerung und Biografiearbeit. Wir nutzen dafür unter anderem Gespräche, Fragebögen, Interviews, körperbezogene Übungen, Rollen- und Theaterspiele sowie Aufgaben zwischen den Terminen.
Gerade diese Kombination lässt sich durch eine reine Online-Anleitung oder ein Arbeitsblatt nicht vollständig nachbilden.
Persönliche Auslöser schriftlich festhalten
Eine einfache Übung besteht darin, Situationen zu dokumentieren, in denen die Anspannung deutlich gestiegen ist. Dabei reicht es nicht, nur den äußeren Anlass aufzuschreiben. Interessant ist auch, was unmittelbar davor gedacht, körperlich gespürt und anschließend getan wurde.
Ein Eintrag kann beispielsweise diese Fragen beantworten:
- Was ist konkret passiert?
- Was habe ich in diesem Moment gedacht?
- Woran habe ich die Anspannung körperlich bemerkt?
- Wie habe ich reagiert?
- Welche andere Reaktion wäre möglich gewesen?
Die Aufzeichnungen sollten möglichst zeitnah erfolgen. Im Nachhinein werden Konflikte häufig verkürzt erinnert oder so erklärt, dass die Verantwortung hauptsächlich bei anderen liegt. Genau solche Rechtfertigungen werden im professionellen Anti-Aggressivitäts-Training geprüft.
Das Ziel des Protokolls besteht nicht darin, Schuld zu verteilen. Es soll wiederkehrende Muster sichtbar machen. Manche Menschen reagieren besonders empfindlich auf Kritik, Zurückweisung oder vermeintliche Respektlosigkeit. Andere verlieren eher unter Alkoholeinfluss, in Gruppen oder bei starker Überforderung die Kontrolle.
Frühwarnzeichen der eigenen Anspannung erkennen
Gewalt entsteht selten ohne körperliche oder gedankliche Vorzeichen. Mögliche Warnsignale sind eine flachere Atmung, angespannte Hände, ein schneller Puls, Hitzegefühl, ein enger Blick oder der starke Drang, sofort zu handeln.
Wer diese Signale kennt, kann früher reagieren. Dazu kann eine persönliche Skala von null bis zehn helfen. Null steht für einen ruhigen Zustand, zehn für einen unmittelbar bevorstehenden Kontrollverlust. Für jede Stufe wird notiert, woran sie erkennbar ist.
Wichtig ist anschließend eine klare Grenze. Wer beispielsweise merkt, dass die Anspannung bei sieben liegt, beendet das Gespräch vorläufig und verlässt die Situation. Das ist kein Weglaufen vor dem Konflikt. Es schafft Abstand, bevor aus Worten Drohungen oder körperliche Gewalt werden.
Einen festen Unterbrechungsplan entwickeln
Ein Unterbrechungsplan sollte nicht erst im Streit entstehen. Er wird vorher festgelegt und möglichst konkret formuliert.
Ein solcher Plan kann so aussehen:
Wenn ich merke, dass ich lauter werde, meine Hände anspanne oder nur noch an einen Angriff denke, beende ich das Gespräch. Ich gehe für mindestens 20 Minuten an einen sicheren Ort, verzichte auf weitere Nachrichten und kehre erst zurück, wenn ich wieder ruhig sprechen kann.
Die Pause darf nicht genutzt werden, um sich weiter in den Konflikt hineinzusteigern. Hilfreicher sind Bewegung, langsames Atmen oder ein kurzer Ortswechsel. Alkohol und andere berauschende Substanzen sind in einer solchen Situation ungeeignet, weil sie die Selbstkontrolle zusätzlich beeinträchtigen können.
Nach der Unterbrechung sollte das Gespräch nur fortgesetzt werden, wenn beide Seiten sicher sind und die Situation nicht erneut eskaliert.
Rechtfertigungen überprüfen
Menschen erklären aggressives Verhalten häufig mit Sätzen wie:
„Er hat angefangen.“
„Sie hat mich provoziert.“
„Ich musste mich durchsetzen.“
Solche Aussagen können einen Auslöser beschreiben. Sie erklären aber nicht automatisch, warum Gewalt die gewählte Reaktion war. In unserem AAT® beschäftigen wir uns deshalb mit Neutralisierungstechniken. Damit sind Rechtfertigungen gemeint, durch die Verantwortung abgeschwächt oder auf andere Personen übertragen wird.
Für die Arbeit zu Hause kann jeder Rechtfertigung eine zweite Frage gegenübergestellt werden:
Welche Entscheidung habe ich selbst getroffen?
Danach folgt:
Welche gewaltfreie Möglichkeit hätte ich an diesem Punkt gehabt?
Diese Fragen sind unbequem. Genau deshalb können sie hilfreich sein. Sie richten den Blick weg von der Provokation und hin zum eigenen Handlungsspielraum.
Die Perspektive der betroffenen Person einnehmen
Aggressives Verhalten wird oft nur aus der eigenen Sicht bewertet. Wer sich bedroht, gekränkt oder provoziert fühlt, konzentriert sich zunächst auf die eigene Erfahrung. Die Folgen für andere geraten dabei leicht aus dem Blick.
Eine Perspektivübung kann schriftlich durchgeführt werden. Die Situation wird zunächst aus der eigenen Sicht beschrieben. Danach wird derselbe Vorfall aus Sicht der betroffenen Person formuliert:
- Was könnte sie wahrgenommen haben?
- Wovor hatte sie möglicherweise Angst?
- Welche Folgen hatte das Verhalten unmittelbar?
- Was könnte nach dem Vorfall geblieben sein?
Diese Übung ersetzt keine direkte Aufarbeitung mit Betroffenen. Eine Entschuldigung oder Kontaktaufnahme sollte auch nicht ungeplant erfolgen, wenn dadurch Druck, Angst oder eine neue Gefährdung entstehen könnte.
Wann Übungen zu Hause nicht ausreichen
Ein Anti Aggressions Training für Zuhause reicht nicht aus, wenn bereits Menschen verletzt oder bedroht wurden, Waffen im Spiel sind, die Kontrolle regelmäßig verloren geht oder eine konkrete Gefahr besteht. Auch bei einer möglichen psychischen Erkrankung, einer Suchterkrankung oder einer schweren Krise braucht es fachliche Unterstützung.
Bei einer psychischen Krise können zunächst eine Hausarztpraxis, eine psychotherapeutische Praxis oder ein Krisendienst angesprochen werden. Besteht eine unmittelbare Gefahr für die betroffene Person oder andere Menschen, sollen laut dem Gesundheitsportal des Bundes der Rettungsdienst unter 112 oder die Polizei unter 110 verständigt werden.
Professionelles Anti-Aggressivitäts-Training bei uns
Unser AAT® richtet sich an gewaltauffällige Jugendliche und junge Erwachsene ab 16 Jahren. Wir bearbeiten konkrete Taten, persönliche Auslöser, Impulskontrolle, Opferperspektiven und gewaltfreie Konfliktlösungen. Die Teilnahme kann freiwillig oder aufgrund einer Verpflichtung durch Behörden, Gerichte oder Schulen erfolgen.
Unsere Arbeit folgt dem Ansatz der ROKT® – RessourcenOrientierten Konfrontativen Trainings. Wir sprechen schwieriges Verhalten und Grenzüberschreitungen klar an, ohne Menschen herabzusetzen. Gleichzeitig beziehen wir vorhandene Fähigkeiten, Stärken und Entwicklungsmöglichkeiten ein.
Jugendliche, junge Erwachsene, Angehörige, Schulen, Behörden und Einrichtungen können sich direkt an uns wenden. Gemeinsam klären wir, ob das vollständige AAT® oder ein anderes ROKT®-Training zur jeweiligen Situation passt. Für institutionelle Anfragen erstellen wir nach der Beratung ein individuelles und unverbindliches Angebot.
