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Raufspiele zur Gewaltprävention

Raufen wirkt auf den ersten Blick wie das Gegenteil von Gewaltprävention. Kinder und Jugendliche schieben, ziehen, halten sich fest oder versuchen, das Gleichgewicht des Gegenübers zu stören. Gerade darin kann aber ein pädagogischer Lernraum liegen – wenn das Raufen klar geregelt, freiwillig und professionell begleitet wird.

Im schulischen Kontext wird „Ringen und Kämpfen“ ausdrücklich als Bewegungsfeld genutzt. Die Lehrpläne in Nordrhein-Westfalen verbinden damit unter anderem das Einhalten von Regeln, faires Verhalten, Verantwortung für den Partner und Lernchancen im Sinne der Gewaltprävention.

Raufspiele sollen Kindern also nicht beibringen, wie sie sich in einer Auseinandersetzung durchsetzen. Sie können vielmehr erfahrbar machen, wo die eigenen Grenzen liegen, wie sich körperliche Nähe anfühlt und warum eine Regel auch dann gilt, wenn man gerade unbedingt gewinnen möchte.

Was sind pädagogische Raufspiele?

Pädagogische Raufspiele sind kontrollierte Bewegungs- und Zweikampfspiele mit vorher festgelegten Regeln. Anders als bei einer echten körperlichen Auseinandersetzung wissen beide Seiten, dass sie an einem gemeinsamen Spiel teilnehmen.

Das verändert die Situation grundlegend.

Ein Kind versucht beispielsweise, seinen Partner vorsichtig aus einer markierten Fläche zu schieben. Beide dürfen Kraft einsetzen. Gleichzeitig müssen sie aufeinander achten, vereinbarte Grenzen respektieren und sofort aufhören, wenn das Stopp-Signal kommt.

Damit entsteht ein scheinbarer Widerspruch: Die Teilnehmenden treten gegeneinander an und müssen gleichzeitig miteinander kooperieren.

Genau darin liegt ein Teil des pädagogischen Potenzials.

Die Unfallkasse NRW nennt für den Bereich „Ringen und Kämpfen“ unter anderem Selbstregulation, Selbstkontrolle, Werteerziehung und einen kooperativen Umgang miteinander als mögliche Lernfelder.

Warum können Raufspiele zur Gewaltprävention beitragen?

Gewaltprävention beginnt nicht erst in dem Moment, in dem ein Konflikt eskaliert. Kinder und Jugendliche brauchen vorher Erfahrungen damit, wie sie Grenzen wahrnehmen, Frust aushalten und ihr eigenes Verhalten steuern können.

Bei einem gut angeleiteten Raufspiel wird das unmittelbar spürbar.

Wer körperlich überlegen ist, darf seine Kraft nicht grenzenlos einsetzen. Wer verliert, muss mit Enttäuschung umgehen. Wer sich unwohl fühlt, muss das äußern können. Und wer ein „Stopp“ hört, muss reagieren – unabhängig davon, wer gerade im Vorteil ist.

Solche Situationen lassen sich kaum nur theoretisch vermitteln.

Ein Präventionsprojekt, über das die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung berichtet, nutzt deshalb eine klare Regel: Bei „Stopp“ wird jede Handlung beendet. Die Regel gilt dort nicht nur beim Raufen und Toben, sondern wird anschließend auf verbale Konflikte und andere Alltagssituationen übertragen.

Damit wird aus einer Spielregel eine soziale Erfahrung: Meine Grenze zählt. Die Grenze meines Gegenübers aber genauso.

Praxisbeispiel 1: Der Schiebekampf

Zwei Teilnehmende stehen sich gegenüber und legen die Handflächen aneinander. Ziel ist es, das Gegenüber durch kontrolliertes Schieben dazu zu bringen, einen Schritt nach hinten zu machen.

Vorher werden wenige Regeln vereinbart:

Die Hände bleiben an den vereinbarten Kontaktpunkten. Es wird nicht geschlagen oder ruckartig gestoßen. Auf ein Stopp-Signal wird sofort reagiert.

Nach einer kurzen Runde wechseln die Partner.

Interessanter als die Frage nach dem Gewinner ist anschließend die Reflexion: Wann habe ich gemerkt, dass der andere stärker wird? Habe ich mehr Kraft eingesetzt, als nötig war? Wie fühlte sich das Verlieren an? Konnte ich aufhören, obwohl ich gerade gewinnen wollte?

Gerade solche kurzen Fragen machen aus einem Bewegungsspiel eine pädagogische Methode.

Praxisbeispiel 2: Kampf um eine Zone

Auf dem Boden wird mit einem Seil oder Markierungen ein kleiner Bereich festgelegt. Zwei Teilnehmende versuchen, ihren Platz in dieser Zone zu behaupten oder den anderen durch vorsichtigen Körpereinsatz herauszubewegen.

Die Aufgabe lässt sich an Alter und Gruppe anpassen.

Es geht nicht darum, möglichst aggressiv vorzugehen. Die Jugendlichen müssen lernen, Kraft zu dosieren. Ein körperlich stärkerer Teilnehmer gewinnt nicht automatisch dann besonders gut, wenn er maximale Kraft einsetzt. Er muss gleichzeitig dafür sorgen, dass die Situation kontrolliert bleibt.

Solche Zieh- und Schiebekämpfe sowie das Kämpfen um Räume oder Zonen werden auch im Schulsport NRW als Beispiele für spielerische Kampfformen genannt.

Praxisbeispiel 3: Die Stopp-Regel testen

Dieses Spiel konzentriert sich weniger auf das Gewinnen.

Zwei Teilnehmende beginnen einen einfachen, vorher festgelegten Rauf- oder Bewegungskampf. Eine Person darf jederzeit deutlich „Stopp“ sagen. Die andere muss ihre Bewegung unmittelbar beenden und Abstand herstellen.

Anschließend werden die Rollen gewechselt.

Für eine Gruppe kann daraus eine interessante Diskussion entstehen: War es leicht, Stopp zu sagen? Habe ich gezögert? Hat mein Gegenüber sofort reagiert? Wie merkt man überhaupt, dass jemand etwas nicht mehr möchte?

Damit lassen sich Themen wie Grenzwahrnehmung und gegenseitiger Respekt konkret bearbeiten, ohne zunächst eine abstrakte Unterrichtsstunde über Grenzen zu halten.

Praxisbeispiel 4: Gemeinsam gegen das Gleichgewicht

Nicht jedes Raufspiel muss einen eindeutigen Sieger haben.

Ein Partner nimmt beispielsweise einen stabilen Stand ein. Der andere versucht mit kontrolliertem Druck, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Danach werden die Rollen getauscht.

Die Aufgabe kann erweitert werden: Wie wenig Kraft brauche ich eigentlich? Welche Position hilft mir? Wann wird aus spielerischem Druck ein unangenehmer Kontakt?

Der direkte Körperkontakt kann dabei Lernchancen eröffnen. Das Ministerium für Schule und Bildung NRW beschreibt „Ringen und Kämpfen“ als ein Miteinander im Gegeneinander, bei dem Körperkontakt und dessen anschließende Verarbeitung pädagogisch genutzt werden können.

Ohne Regeln wird aus Raufen keine Präventionsmethode

Raufspiele sind nicht automatisch pädagogisch wertvoll, nur weil Erwachsene danebenstehen.

Bevor eine Gruppe beginnt, müssen Regeln verständlich und verbindlich sein. Dazu gehören beispielsweise ein klares Stopp-Signal, verbotene Handlungen, eine begrenzte Spielfläche und die Möglichkeit, jederzeit auszusteigen.

Auch die Auswahl der Übungen muss zur Gruppe passen.

Kinder oder Jugendliche mit bestimmten Verletzungen, starken Ängsten vor Körperkontakt oder belastenden Erfahrungen brauchen möglicherweise andere Formen der Teilnahme. Niemand sollte zum Raufen gedrängt werden.

Für den Schulsport gelten zusätzlich konkrete Sicherheitsvorgaben. Übungen, deren Ziel Schlagen, Treten oder die bewusste Verletzung eines Gegenübers ist, sind im entsprechenden Bewegungsfeld nicht vorgesehen.

Entscheidend ist das Gespräch nach dem Spiel

Ein Raufspiel allein verhindert keine Gewalt.

Der pädagogische Nutzen entsteht vor allem dadurch, dass körperliche Erfahrungen anschließend mit dem Alltag verbunden werden.

Ein Jugendlicher, der während eines Spiels bemerkt hat, wie schwer es ihm fällt, beim Stopp-Signal aufzuhören, bekommt damit einen konkreten Ausgangspunkt für Reflexion. Eine andere Teilnehmerin merkt vielleicht, dass sie ihre Grenze erst sehr spät ausgesprochen hat.

Solche Beobachtungen können anschließend auf andere Situationen übertragen werden:

Was passiert, wenn jemand auf dem Schulhof „Lass mich in Ruhe“ sagt? Wann wird aus Spaß eine Grenzüberschreitung? Wie gehen wir damit um, wenn jemand provoziert? Und was können Zuschauer tun?

Gewaltprävention sollte ohnehin nicht aus einer einzelnen Methode bestehen. Die DGUV empfiehlt Schulen ein umfassenderes Vorgehen mit gemeinsamen Regeln, einer klaren Haltung gegen Gewalt und Maßnahmen, die zur konkreten Situation der Schule passen.

Raufspiele können darin ein Baustein sein. Ihr besonderer Vorteil liegt darin, dass Regeln, Selbstkontrolle und Grenzen nicht nur besprochen, sondern unmittelbar erlebt werden.

Termine:

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Teilnahmegebühr:

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